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Kunst des Gedenkens – Globale Kettenreaktionen

“Süddeutschen Zeitung, Feuilleton, 01.07.2013

 

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Von Catrin Lorch

 

Unter dem Betondach einer Passage am Kölner Roncalliplatz haben sich
Blasmusiker versammelt. Als sie, Punkt elf Uhr, ihre Posaunen, Trompeten und
Waldhörner heben, erklingt ein greller Sirenenton, auf- und abschwellend, zwei
Minuten lang. Einige der Passanten senken den Kopf oder zeigen das gefasste
Gesicht, mit dem man Unsicherheit beflort. Doch in der Mitte des Platzes wird
es laut. Sänger, eingemummelt in Israelfahnen, beginnen lebensfroh zu tanzen.
Wo etwas peinlich ist, wird die Zeit langsam. “Zwei Minuten Stillstand”, eine
Aktion von Yael Bartana, hätte zum schlichten Bild gerinnen können. Aber das
geht nicht in Deutschland, nicht einmal da, wo es eine Künstlerin ist, die dazu
einlädt sich Gedanken zu machen über Rituale, nationale Identität,
Zeitgeschichte. Am gleichen Tag, an dem Gegner ihre Aktion stören, wird Yael
Bartana auf einem Flugblatt als “nützliche Jüdin” diffamiert werden. Und
nachdem sich bei einer Podiumsdiskussion in der Universität eine Besucherin
darüber echauffiert hat, dass ihr Nachbar Bartana auf Englisch anspricht (“In
Deutschland wird immer noch deutsch gesprochen!”), unterstellt ihr ein anderer
Zuhörer, den Holocaust zu instrumentalisieren – Nachhall der Vorwürfe von
Bloggern, ihr “Israel Bashing” sei nichts weiter als “geistige Pornografie des
Intellektuellen”.

 

Doch was hatte Yael Bartana eigentlich anrichten wollen? Dass es vor allem
darum ging, ein kraftvolles Ritual zu teilen, sagt sie am Abend, am Jom
haSho’a, einem Feiertag zum Gedenken der Opfer und Widerstandskämpfer des
Holocaust. In Israel ruht dann für zwei Minuten alles öffentliche Leben,
während die Sirenen heulen. Die Kölner Aktion zum Theaterfestival Impulse
sollte ein Beitrag zur Erkundung der Frage sein, “was es heißt, deutsch zu sein
oder als Einwanderer in Deutschland zu leben”. Der Holocaust stünde am Anfang
“einer globalen Kettenreaktion” heißt es auf der Website ihrer Aktion. Deren
Konsequenzen reichten von “der Gründung des Staates Israel” bis zur
palästinensischen Nakbar und den NSU-Morden, “deren Täter sich klar und
eindeutig in der Tradition des Nationalsozialismus begreifen”.

 

Die in Israel als Tochter polnischer Zionisten geborene Künstlerin ist dabei
nicht eben zurückhaltend: Die Verlegung eines nationalen Rituals vom Land der
Opfer in das Land der Täter ist mehr als der Aufruf zum Schweigemarsch. Doch wo
man durch die Geschichte so unauflöslich verbunden sei, fordert sie ein, dass
man sich wenigstens die Hoheit über die Rituale der Zukunft vorbehält. Wo zwei
nicht ohne einander auskommen werden, bietet der eine dem anderen symbolisch
an, doch einmal den eigenen Platz einzunehmen. Dass sich Bartana so am
Staatsritual vergreift, brachte aber in Köln unerwarteten Zulauf,
beispielsweise von einer Realschule, in deren Klassen gut zwei Drittel Kinder
muslimischer Herkunft unterrichtet werden. Während der FC sein Training
unterbrach, versammelten sich in der Mühlheimer Keup-straße, mehr Jugendliche
als am prominenteren Standort am Dom, wo Bürgermeister und Geistliche
auftraten. Unerwartet auch, dass während in Köln die öffentlichen
Verkehrsbetriebe niemanden aufhielten, in Süddeutschland, in der
Rhein-Neckar-Metropolregion, Bahn und Bus still standen.

 

Hat Yael Bartana so eine neue Form des Gedenkens in Deutschland begründet? In
einem Land, das seit dem Ende des Nationalsozialismus kollektiven Ritualen mit
Skepsis begegnet? Die Künstlerin, die in der Vergangenheit mit dem “Jewish
Renaissance Movement in Poland” die Rückführung von Millionen israelischer
Juden nach Polen angedacht hat, hält sich zurück, wenn man sie darauf
anspricht. Ihr Logo, das ausgemalte Stoppschild, steht jedenfalls, wie auch
Poster und Flyer, weiterhin zum Download zur Verfügung.

 

Catrin Lorch
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Catrin Lorch, geboren 1965 in Frankfurt. Redaktionsvolontariat bei der
Offenbach-Post, Studium der Kunstgeschichte, Germanistik, Journalismus und
Städtebau in Frankfurt, New York und Bonn. Kuratorin und Direktorin der
Videonale Bonn, dem weltweit ältesten Festival für Videokunst. Seit 1999
Autorin zur zeitgenössischen Kunst fürBlitzreview, Kunstbulletin, Frieze,
Springerin, Metropolis M, die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Bis 2011
Katalogbeiträge und Künstlerkollaborationen unter anderem mit Stefan Hoderlein,
Ayse Erkmen, Tris Vonna Michell, Martin Boyce, Simon Denny, Keren Cytter, Jason
Dodge und Tue Greenfort.

 

Esther Boldt auf nachtkritik.de, 29.6.2013

 

Martina Windrath in “Kölnische Rundschau”, 28.6.2013

 

Video auf “express.de” zum Stillstand in Köln, 28.6.2013

 

Video auf “artmetropol.tv” zum Stillstand in Mannheim, 28.6.2013

 

Ulrike Gondorf in “Deutschlandradio Kultur”, 28.06.2013

 

1. FC Köln - Zwei Minuten Stillstand

 

Pressemeldung des RNV zum Stillstand des Verkehrsbetriebs

 

“Busse und Bahnen stehen still” auf morgenweb.de, 25.6.2013

 

“Zwei Minuten Stillstand auf dem Roncalliplatz” in “Die Welt kompakt”, 25.6.2013

 

“Viele prominente Unterstützer für „Zwei Minuten Stillstand“ von Yael Bartana” auf “Deutz kommt!”, 24.6.2013

 

“Aktion „Zwei Minuten Stillstand“ von Yael Bartana am 28.06. in Köln mit prominenten Unterstützern” auf k-report.de, 24.6.2013

 

 

Jürgen Roters, Oberbürgermeister der Stadt Köln:

 

Yael Bartana gibt uns mit ihrer Einladung zu ‘Zwei Minuten Stillstand’ die großartige Gelegenheit, individuell zu entscheiden, eine gemeinschaftliche Erfahrung zu machen. Es ist ein wichtiges Projekt, das uns auffordert darüber nachzudenken, wie wir heute der Schrecken des Holocausts gedenken können, aber auch was unsere eigene Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft ist.

 

 

Werner Spinner, Präsident des 1. FC Köln:

 

Grundsätzlich sollen und wollen wir uns als Fußballverein auf den Sport konzentrieren und uns politisch neutral verhalten. In diesem Projekt allerdings sehen wir eine wichtige Gelegenheit, Flagge zu zeigen gegen das Verdrängen und Vergessen des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte und zugleich für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben in der Gegenwart. Es freut mich sehr, dass unsere Mannschaft, die aus jungen Sportlern unterschiedlicher Herkunft besteht, sich so wie viele andere Organisationen und Gruppen an dieser besonderen Form des Gedenkens beteiligen wird.

 

 

Avi Feldmann on the tradition of the Yom HaShoah in Israel and Yael Bartana’s “Two Minutes of Standstill”

 

Frank Raddatz in “Theater der Zeit”, Juni 2013

 

Jessica Düster in der “Stadtrevue” vom 29. 5. 2013

 

 

Zwei Minuten Stillstand

 

Vielleicht sind Schweigen und Stillstand die einzige gemeinsame Sprache, über die wir verfügen. Sie bieten jedem eine Möglichkeit: dem, der sprechen will, wie dem, der für die Gefühle, die Trauer, die Freude keine Worte findet. Das Schweigen ist die schwierigste Sprache von allen – und zugleich die einzige, die wir alle können. Der Stillstand ist die schwierigste Bewegung – und zugleich die einzige, zu der wir alle fähig sind. Beides schreibt sich uns ein – unserem Denken wie unserem Körper – auf unauslöschliche Weise. Deshalb enthalten zwei Minuten Stillstand das Versprechen der Ewigkeit. Ist doch nicht wenig.

 

(Christina von Braun, Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin)